Wie ich zum Taiji kam!


Im vergangenen Jahr war ich einige Wochen in Schottland. In dem kleinen verschlafenen Ort Comri trafen sich junge, alte und noch ältere Menschen einmal in der Woche zum Taiji mit einem lustigen, rothaarigen Schotten (ohne Kilt, dafür mit Sportsachen) um Körper und Geist zu stärken. Irgendwie wirkte die Versammlung auf mich wie im Sanatorium beim Gesundheitssport. Da ich aber zum aktiven Mitmachen eingeladen wurde, blieb mir nichts anderes übrig, als mich der Gesellschaft anzuschließen. Die langsamen Übungen waren doch sehr gewöhnungsbedürftig. (Dazu muss ich erwähnen, dass ich zuvor zwar von Taiji gehört hatte, aber im Zeitalter von Feng Shui, Qigong und vielen esoterisch angehauchten Vereinigungen ordnete ich Taiji auch in diese Schublade ein. Wie Unrecht ich doch hatte!)

Nachdem ich mich nun dieser Gruppe angeschlossen hatte, stellte ich überrascht fest, dass ich mich nach den sanften Übungen energetisiert fühlte. Meine Handflächen wurden wohlig warm und eine anregende Kraft durchströmte meinen Körper. Das war nun wirklich nicht das was ich erwartet hatte.

Nun war ich neugierig geworden!

Zurück in Berlin, wollte ich mich sofort einer Gruppe anschließen die diesen Sport ausübt. Das war kompliziert. Es gibt in Berlin schon einige Vereine, aber wenn ich zwei bis drei Mal in der Woche trainiere, möchte ich mich in der Gruppe wohl fühlen und der Anfahrtsweg sollte zwischen Arbeit und Familie nicht noch zeitaufwändig und weit sein. Ja und da fingen meine Probleme an!

Über einen Freund erfuhr ich von der "Long Wu Guan" Kampfkunstschule in Friedrichshagen.

Kampf - kunst - schule - hatte mich zuerst erschreckt. An einem Freitagabend nahm ich dann allen Mut zusammen und marschierte auf den Hof. Ich wurde sehr herzlich begrüßt und gebeten doch mal mit zu machen. Da ich so freundschaftlich eingeladen wurde, blieb ich sofort. Jetzt bin ich seit einigen Wochen mit Begeisterung dabei!

Das Beste will ich jetzt noch anfügen.

Es ist alles ganz anders als bei dem rothaarigen Schotten. Der Trainer Martin Rätz fordert seine Schüler und dem Untrainierten ist ein kerniger Muskelkater sicher. Ich habe ganz schnell begriffen, dass Kampfkunst bei der "Long Wu Guan" Schule viel mehr ist, als ein beliebiger Sport.

Oberste Priorität hat die Disziplin. Für Martin ist es besonders wichtig, dass keiner seiner Schüler verletzt wird. Das Training erfordert außergewöhnliche Konzentration und unbedingte Ruhe. Die langsamen, harmonischen aber doch dynamischen Bewegungen der Formenübungen, die ich schon aus Schottland kannte, sind Bestandteil jeder Trainingsstunde. Diese Bewegungen sind die Voraussetzung für einen, für uns Mitteleuropäer, ungewöhnlichen Kampf. Die Stärke besteht darin zu verstehen, dass man einem harten Schlag auch ganz anders begegnen kann, als wiederum mit einem harten Schlag. Nicht der Stärkere gewinnt, sondern der Lockere, der es schafft dem Starken die Kraft zu nehmen, um diese selbst zu nutzen. In der "Long Wu Guan"  Kampfkunstschule wird vor allem auch sehr anschaulich die Denkweise der chinesischen Taiji-Meister und der chinesischen Kultur vermittelt.

Wer jetzt denkt, dass bei einem solchen Training der Spaß zu kurz kommt, der irrt. Nach jeder Übung oder jedem Kampf folgt ein lockeres Geplauder. Nach dem Training sitzen die Schüler mit Ihrem Lehrer und Meister noch im Hof oder Aufenthaltsraum zusammen, erzählen sich von Ihren Plänen dieses Jahr im Juli vier Wochen nach China zu reisen oder spielen eine Runde Weiqi auch bekannt als Go (japanisch). Das ist ein für den Anfänger kompliziertes Strategiespiel mit mindestens einhundert weißen und schwarzen Steinen wie Schokolinsen.

Eines ist sicher, alle beenden den Abend mit der angenehmen Gewissheit sich wieder ein Stück weiter entwickelt zu haben - und das gilt für Körper und Geist.

Kerstin Glös

18.05.04